Ferrari Luce ausverkauft: Das beweist die Marke, nicht das Elektroauto
Ein ausverkauftes Jahr 2027 widerlegt die Kritiker bei der Nachfrage. Bestellungen vor der ersten Fahrt messen aber Knappheit und Markenmacht, nicht die Qualität von Ferraris erstem E-Auto.
Foto: Lcaa9 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Hat der Ferrari Luce gerade bewiesen, dass die Kritiker bei elektrischen Supersportwagen falsch lagen? Nur, wenn man glaubt, die Kritiker hätten über die Nachfrage gestritten. Wir meinen, es ging ihnen um etwas anderes, und darauf gibt der Ausverkauf keine Antwort.
Das ist passiert. In der Telefonkonferenz zu den Zahlen des dritten Quartals sagte Konzernchef Benedetto Vigna laut Motor1 sinngemäß: „Alle Luce, die wir nächstes Jahr verkaufen wollen, sind im Grunde vergeben. Wer jetzt kommt, muss ein Jahr auf die Autos warten.“ Die Auslieferungen haben noch nicht einmal begonnen: Die ersten Fahrzeuge kommen vor Ende 2026 auf die Straße, der eigentliche Hochlauf folgt 2027. In den USA beginnt der Preis bei 560.800 Dollar.
Der Markt nahm die Nachricht gut auf. Today.it berichtet, dass der Nettogewinn auf 431 Millionen Euro stieg (+13 % gegenüber dem Vorjahr) und die Aktie 375 Euro erreichte, nachdem sie bei der Vorstellung des Autos gefallen war. Ferrari erklärte zudem, das gesamte Auftragsbuch decke die Produktion bis 2028 ab.
Die Nachfrage war nie die Frage
Die lautesten Einwände gegen den Luce betrafen Design und Seele: kein V8, kein V12 und eine Optik, die manchen zu weit von der Identität Maranellos entfernt war. Das sind Geschmacksfragen. Ein ausverkauftes Auftragsbuch kann einen Geschmacksstreit nicht entscheiden, denn die Besteller sind unserer Ansicht nach eine winzige, selbst ausgewählte Gruppe, die sich von Internetkommentaren ohnehin nie hätte beeindrucken lassen.
Ja, die Pessimisten, die einen Flop vorhersagten, lagen falsch. Doch die Ehrenrunde, und davon gibt es einige, behauptet zu viel. Die Bestellungen zeigen, dass Ferrari-Kunden kaufen, was Ferrari verkauft. Das ist keine Neuigkeit, das ist das gesamte Geschäftsmodell.
Knappheit ist das Produkt, das E-Auto die Verpackung
Schauen wir auf das, was wir tatsächlich wissen. Motor1 weist darauf hin, dass Ferrari nicht gesagt hat, wie viele Luce 2027 gebaut werden sollen, und der Konzernchef ein Verkaufsziel verweigerte. „Ausverkauft“ bei einer nicht genannten Stückzahl sagt für sich genommen wenig, zumal das neue Werk schrittweise hochgefahren wird. Wir glauben, dass eine begrenzte Zuteilung bei einer solchen Marke immer ausverkauft gewesen wäre. So funktioniert Zuteilung.
Today.it ergänzt die andere Hälfte der Logik: Der Zugang zu Sonderserien bei Ferrari belohnt die Kaufhistorie, sodass der Luce für Neueinsteiger als Eintrittskarte dienen kann oder für bestehende Sammler als Möglichkeit, ihren Platz in der Warteschlange für künftige Modelle zu sichern. Diese zweite Lesart ist als Meinung von uns zu gewichten, denn die Berichterstattung nennt nicht, wie viele Käufer auf welche Gruppe entfallen (Ferrari wollte Bestandskunden und Neukunden nicht aufschlüsseln). Plausibel ist aber, dass bei manchen Bestellungen die Beziehung zur Marke wichtiger ist als das Auto.
Hinzu kommt, dass sich Käufer laut Tom's Hardware Italia zu rund 550.000 Euro verpflichten, ohne gefahren zu sein. Damit wird das Bild schärfer. Die Leute zahlen für einen Platz in der Schlange und ein springendes Pferd. Wir vermuten, dass es für viele fast zweitrangig ist, ob der Antrieb elektrisch ist. Das ist ein Kompliment an die Marke und ein eher zweifelhaftes an die E-Auto-Technik.
Das Auto muss das Geld noch verdienen
Der ehrliche Test kommt im ersten Quartal 2027, wenn Ferrari internationale Testfahrten für Medien plant, gefolgt von Fahrerlebnissen für potenzielle Kunden. Vigna selbst glaubt, dass das Fahren die Wahrnehmung verbessern könnte. Genau darum geht es, würden wir sagen: Das Urteil über den Luce als Auto steht noch aus. Motor1 räumt sogar ein, dass eine traditionellere Optik vielleicht mehr Käufer angezogen hätte, „aber wir werden es nie erfahren“.
Einige Medien beschreiben bereits beeindruckende Fahrdynamik und Werte, doch wir würden Angaben der italienischen Presse zu Leistung und Fahrgefühl mit Vorsicht behandeln, bis die unabhängigen Testfahrten vorliegen; selbst beim Preis widersprechen sich die Quellen (etwa 500.000 oder 550.000 Euro).
Auch für die breitere Debatte über E-Autos steckt eine Lehre darin. Das ist kein Beleg dafür, dass der Markt reif für elektrischen Luxus in großem Maßstab ist, noch dafür, dass E-Autos gegen die Verbrenner-Puristen „gewonnen“ haben. Es belegt, dass eine extrem knappe Marke jeden Antrieb tragen kann. Massenhersteller können diese Logik nicht übernehmen, weil sie sich nicht auf eine Warteliste herunterrationieren können.
Unser Fazit: Ferrari gebührt der Sieg bei Strategie und Finanzen, denn das Unternehmen hat seine Kunden besser gelesen als die Kommentatoren. Ein volles Auftragsbuch ist aber kein großartiges Auto. Warten wir die Fahrberichte im ersten Quartal ab und beurteilen wir den Luce, wenn ihn jemand gefahren ist, der nicht für die Marke bezahlt hat.
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