Car of the Year: Finale nur mit E-Autos und ohne Chinesen – Meilenstein mit blindem Fleck
Sieben elektrische Finalisten zeigen, dass Elektroautos für den Massenmarkt die Jury überzeugt haben. Das Fehlen chinesischer Marken sagt aber mehr über die Preise als über die Autos.
KI-generiertes Bild
Ist es eine gute Nachricht, dass alle Finalisten des renommiertesten Autopreises Europas mit Strom fahren, oder ein Zeichen dafür, dass der Preis nur auf eine Hälfte des Marktes schaut? Beides, finden wir. Und der zweite Teil der Antwort ist der interessantere.
Zuerst die Fakten. Wie Il Sole 24 Ore berichtet, lauten die sieben Finalisten für das Car of the Year 2027: BMW iX3, Cupra Raval, Hyundai Ioniq 3, Kia EV2, Renault Twingo, Volkswagen ID.Polo und Volvo EX60. Alle sind elektrisch, keiner ist chinesisch, auch Hybride fehlen. Laut den Veranstaltern endet die Abstimmung am 29. Dezember 2026, der Sieger wird am 8. Januar 2027 am ersten Tag der Brüsseler Automobilausstellung bekannt gegeben.
Die Jury betrachtet günstige E-Autos nicht mehr als Kompromiss
Entscheidend sind die Namen, nicht nur der Antrieb. Der Twingo, ein elektrischer Kleinwagen, steht auf der Liste, ebenso Modelle wie ID.Polo, Raval, EV2 und Ioniq 3. Ihre Namen deuten darauf hin, dass die Jury auch auf Autos für normale Käufer achtet und nicht nur auf das obere Marktsegment mit BMW iX3 und Volvo EX60. Unserer Einschätzung nach ist das ein Wandel gegenüber früheren Zeiten, als von einem elektrischen Finalisten erwartet wurde, dass er ein Prestigeobjekt ist.
Die Jury, bestehend aus 65 europäischen Journalisten aus 25 Ländern, ist zumindest bereit, ein Auto ins Finale zu bringen, das sich ein gewöhnlicher Haushalt tatsächlich kaufen könnte. El Confidencial nennt für den neuen Twingo einen Einstiegspreis von 19.490 Euro. Das ist unseres Erachtens die eigentliche Geschichte: Das Elektroauto ist kein Statement mehr, sondern wird zur Standardantwort für ein kleines Auto.
Auch das Etikett „zum ersten Mal überhaupt“ verdient etwas Vorsicht. Eine Finalistenliste ist keine Verkaufsstatistik. Sie zeigt, was ein Gremium von Journalisten für das Beste hält, nicht, wofür sich Käufer entscheiden. Doch wenn alle Finalisten an die Steckdose müssen, wirkt die Debatte darüber, ob eine Alternative mit Verbrennungsmotor um diesen Titel noch mithalten kann, deutlich schwächer als noch vor einigen Jahren.
Kein chinesischer Finalist: ein blinder Fleck, kein Urteil
Nun der unbequeme Teil. Chinesische Marken sind in der europäischen Debatte über Elektroautos ständig präsent, doch keine schaffte es unter die sieben Finalisten. Aus den vorliegenden Unterlagen können wir nicht erkennen, warum. Wir wissen nicht, welche chinesischen Modelle eingereicht wurden und wie sie abschnitten. Wir tun also nicht so, als kennten wir die Überlegungen der Jury.
Sagen können wir, dass die Abwesenheit auffällt. Ein Preis, der für sich in Anspruch nimmt, das beste Auto Europas zu küren, endet mit einem Feld, das nur aus etablierten Marken besteht. El Confidencial zitiert den Designer und Kritiker Adrian Clarke, der argumentiert, Tradition und Marken-DNA seien ein Vorteil, der neueren Herstellern, vor allem chinesischen, fehle. Der Twingo, ein Nachfahre des Originals von 1992, ist ein gutes Beispiel für diese Logik. Das ist ein berechtigter Punkt in Sachen Emotion und Design. Ein Beleg dafür, dass die Autos schlechter sind, ist es nicht.
Unsere Lesart, und das ist eine Meinung, lautet: Die Jury belohnt, was sie kennt – vertraute Marken, europäische Designstudios, Modelle mit einer Geschichte. Das ist kein Skandal. Aber ein Preis, der relevant bleiben will, muss erklären können, warum ein starker chinesischer Kandidat verloren hat, statt die Leser rätseln zu lassen, ob er je zur Debatte stand.
Wer gewinnt und worauf man achten sollte
Zu den frühen Gewinnern zählen unserer Ansicht nach die Hersteller, die rechtzeitig überzeugende Elektroautos auf den Markt gebracht haben. Renault erklärt, es sei das sechste Jahr in Folge, in dem eines seiner Modelle das Finale erreicht, was ein starkes Signal dafür zu sein scheint, dass die Strategie charakterstarker Elektroautos bei den Kritikern aufgeht.
Der Verlierer ist vorerst die Vorstellung, dass die Preise den gesamten Markt abbilden. Unsere Empfehlung: Den im Januar verkündeten Sieger sollte man als guten Hinweis auf den Favoriten der Jury unter den berücksichtigten Elektroautos verstehen, nicht als Urteil über jedes erhältliche E-Auto. Und wer gerade ein Auto kauft, sollte die Marken nicht außer Acht lassen, die es nicht auf die Liste geschafft haben.
Die Auswahl im nächsten Jahr wird der eigentliche Test. Ist sie wieder rein elektrisch und ohne chinesischen Kandidaten, wirkt das wohl nicht mehr wie ein Zufall, sondern wie ein Muster.
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