Nicht der Touchscreen ist schuld, sondern das nachlässige Cockpit-Design
Die Daten vom Allianz Motor Day deuten darauf hin: Gefährlich ist nicht der Bildschirm, sondern das, was Hersteller darin verstecken. Zentrale Funktionen gehören auf Tasten, und Käufer sollten sie einfordern.
Foto: Michael Sheehan / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
Wie lange darf ein Fahrer den Blick von der Straße nehmen, nur um die Scheibenheizung einzuschalten? Die neueste Allianz-Forschung legt nahe, dass die Antwort viel zu sehr davon abhängt, welches Auto man gekauft hat. Die Branche hat das unseres Erachtens als Frage des Designgeschmacks behandelt statt als Sicherheitsfrage. Das war ein Fehler.
Ablenkung könnte ein weit größerer Unfallfaktor sein als angenommen
Beim 14. Motor Day am 21. Oktober 2026 stellte der Versicherer ein Forschungsprogramm zur Ablenkung im digitalen Auto vor. Die zentrale Aussage lautet laut der Schweizer Mitteilung der Allianz: Ablenkung spielt bei mindestens jedem dritten Unfall eine Rolle, entweder als Auslöser oder als begünstigender Faktor. Frühere Schätzungen lagen bei etwa 10 %. In einem simulierten Notbremsszenario auf der Autobahn verunglückten aufmerksame Fahrer, wie Merkur berichtet, in 18,2 % der Fälle. Abgelenkte Fahrer verunglückten in 54,3 % der Fälle.
Auch die Umfragen sind aufschlussreich. In Deutschland sagen 77 %, die Digitalisierung trage zur Ablenkung bei, und 70 % wünschen sich für zentrale Funktionen klassische Bedienelemente statt eines Touchscreens. In Österreich gaben 31 % der Fahrer mit Touchscreen an, in den vergangenen drei Jahren mindestens eine kritische Situation durch dessen Nutzung erlebt zu haben.
Der Bildschirm ist nicht der Schuldige, und das macht den Fall gegen die Hersteller stärker
Hier die Nuance, die in den Schlagzeilen fehlt. Die Allianz selbst sagt, der Touchscreen sei nicht das Problem. Das Problem sei, wie Funktionen in das Cockpit-Konzept eingebunden werden. In ihrer Studie im realen Fahrbetrieb benötigte dieselbe Alltagsaufgabe in einem Auto bis zu 25 % weniger visuelle Aufmerksamkeit als in einem anderen. Bei einzelnen Aufgaben entsprach das etwa drei Sekunden Blickabwendung.
Das ist unseres Erachtens der belastendste Befund. Die Branche kann sich nicht hinter dem Satz „Fahrer müssen sich eben richtig verhalten“ verstecken. Wenn identische Aufgaben je nach Modell so stark variieren, liefern manche Hersteller schlechtere Bedienkonzepte als andere, und die Lücke lässt sich offensichtlich schließen. Die Allianz weist darauf hin, dass Euro NCAP in Europa bereits Konzepte belohnt, die wichtige Funktionen direkt zugänglich machen, statt sie in Menüs zu vergraben.
Ebenfalls klar zu sagen: Umfragen messen Wahrnehmung, und die Zahlen zu „kritischen Situationen“ beruhen auf Selbstauskünften. Die Szenariowerte, etwa 18,2 % gegenüber 54,3 %, stammen aus einem kognitiven Fahrermodell, das mit echten Blickdaten gespeist wurde, nicht aus der Zählung von Unfällen, die bestimmte Armaturenbretter verursacht haben. Das macht sie nicht falsch, aber wir sollten sie als starken Hinweis auf die Richtung lesen, nicht als exakte Bilanz.
Scheibenwischer, Blinker und Defrost sollten nie ein Menü brauchen
Die Allianz-Liste sicherheitskritischer Funktionen ist erfreulich konkret: Scheibenwischer, Blinker, Abblend- und Fernlicht, Warnblinker sowie Scheibenheizung und Entfrostung. Sie sollten schnell und intuitiv erreichbar sein, entweder über physische Schalter oder über dauerhaft sichtbare, feste Bereiche auf dem Bildschirm. Die zweite Option würden wir bei den meisten streichen. Ein fester Bildschirmbereich braucht weiterhin die Augen; ein Hebel oder eine Taste nicht.
Wir vermuten, dass der Ansatz „alles auf dem Bildschirm“ im Autohaus günstiger und glänzender wirkt. Doch ein Armaturenbrett, das beim Händler aufgeräumt aussieht und bei 50 km/h einen Blick verlangt, ist ein schlechter Tausch. Die Allianz ordnet diesen Blick ein: Bei 50 km/h legt man in drei Sekunden Blickabwendung fast 42 Meter zurück.
Die Regulierung zieht ungleichmäßig nach. Laut Allianz ist seit Juli 2026 in Neuwagen ein Warnsystem für Fahrerablenkung Pflicht, doch die Schwellenwerte seien viel zu großzügig: eine Warnung nach 3,5 Sekunden über 50 km/h und nach 6,0 Sekunden zwischen 20 und 50 km/h. Unsere Sicht: Eine Warnung, die erst nach mehr als drei Sekunden Wegsehen kommt, ist eher eine Formalität als eine Absicherung.
Was Käufer tun sollten
Warten Sie nicht auf die Regulierer. Versuchen Sie bei der Probefahrt, die Temperatur zu ändern, die Frontscheibe zu entfrosten und das Gebläse einzustellen, ohne auf den Bildschirm zu schauen. Gelingt das nicht, sollte das so schwer wiegen wie eine schwache Bremsbewertung. Auch das Smartphone gehört zum Problem: Die Allianz nennt rund 42 % der Fahrer, die es zumindest gelegentlich während der Fahrt ansehen.
Unser Fazit: Die physische Taste ist keine Nostalgie. Sie ist ein Sicherheitsmerkmal, und wir bezweifeln, dass sie viel kostet. Hersteller, die sie weiter streichen, wetten unseres Erachtens darauf, dass Käufer es erst merken, wenn es zu spät ist. Käufer können sie im Autohaus eines Besseren belehren.
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